Das Selters

Fertigstellung: 2025
Leistungsumfang: LPH 1-5

Bauherr: Faber und Schnepp
BGF/BRI: Umbau 5.400 m²

Vom Kaufhaus zum multifunktionalen Stadtbaustein

Mit dem Projekt „Das Selters“ im Gießener Seltersweg transformieren wir eine ehemalige innerstädtische Handelsimmobilie in ein lebendiges, gemischt genutztes Gebäude. Wo über Jahrzehnte großflächiger Einzelhandel das Nutzungskonzept bestimmte, entsteht heute ein neuer Stadtbaustein aus Bildung, Betreuung, Arbeiten, Wohnen, Dienstleistung und Handel.

Das Projekt steht damit exemplarisch für eine der großen architektonischen Aufgaben der kommenden Jahre: Was machen wir mit den Kaufhäusern und Handelsimmobilien, für die ihre ursprüngliche Nutzung nicht mehr funktioniert?

Die vorhandenen Gebäude besitzen enorme Ressourcen – viel Fläche, robuste Tragstrukturen und zentrale Lagen. Gleichzeitig bringen sie Eigenschaften mit, die ihre Umnutzung anspruchsvoll machen. Insbesondere die für den Einzelhandel typischen großen Gebäudetiefen und ehemals dunklen, überwiegend künstlich belichteten Innenbereiche stellen bei neuen Nutzungen völlig andere Anforderungen an Architektur und Grundrissorganisation.

Licht wird zum Entwurfswerkzeug

Eine der zentralen Aufgaben bei „Das Selters“ war deshalb die Belichtung der tiefen Bestandsflächen. Tageslicht, Blickbeziehungen und Orientierung werden zu wesentlichen Entwurfsparametern. Durch die Neuorganisation der Grundrisse und gezielte Eingriffe in den Bestand entstehen aus ehemaligen Verkaufsflächen helle und flexibel nutzbare Räume mit einer vollkommen neuen Aufenthaltsqualität.

Wie gut sich eine ehemalige Handelsimmobilie auf diese Weise neu programmieren lässt, zeigt insbesondere die Zweigbibliothek Natur- und Lebenswissenschaften der Justus-Liebig-Universität Gießen. Auf fast 1.400 m² sind hier rund 40.000 Bücher, 100 Arbeitsplätze, Einzel- und Gruppenarbeitsbereiche, zwei Seminarräume sowie ein flexibel nutzbares Learning Lab untergebracht. Die großen Glasflächen sorgen dabei für viel Tageslicht an den Arbeitsplätzen. Mit mehreren hundert erwarteten Besucherinnen und Besuchern pro Tag bringt die Universität zugleich eine völlig neue Frequenz in die Gießener Fußgängerzone.

Bei der Gestaltung der Bibliothek stand eine ressourcenschonende Transformation im Mittelpunkt. Vorhandene Strukturen bleiben ablesbar, raue Betonoberflächen treffen bewusst auf neue Einbauten und ein großer Teil des Bestandsmobiliars der ehemaligen Universitätsbibliothek wurde weiterverwendet. Neu und Alt sollen dabei keinen Gegensatz bilden, sondern gemeinsam die Identität des Ortes prägen.

Doch die Universität ist nur ein Teil der Transformation. Mit einem Familienzentrum und einer Kindertagesstätte mit rund 70 Plätzen, ergänzt um weitere Nutzungen aus Wohnen, Büro, Dienstleistung und Einzelhandel, entwickelt sich aus der ehemals weitgehend monofunktionalen Handelsimmobilie ein Gebäude, das über den gesamten Tag von unterschiedlichen Menschen genutzt wird.

Vom Kaufhaus zur Stadt von morgen

„Das Selters“ zeigt damit im Kleinen, was unsere Innenstädte im Großen beschäftigen wird. Die Zukunft vieler Zentren wird nicht darin liegen, leerfallende Handelsimmobilien abzureißen und durch neue Gebäude gleicher Größe zu ersetzen. Vielmehr wird es darum gehen, vorhandene Strukturen weiterzubauen, neu zu programmieren und für Nutzungen zu öffnen, für die sie ursprünglich nie gedacht waren.

Gerade ehemalige Kaufhäuser bieten dafür ein enormes Potenzial. Ihre großen Flächen können zu Orten für Bildung, Arbeiten, Wohnen, Betreuung, Kultur, Dienstleistung und neue Formen des Handels werden. Voraussetzung dafür ist eine Architektur, die sich intensiv mit dem Bestand auseinandersetzt – mit Tragstruktur, Gebäudetiefe, Erschließung und vor allem mit der Frage, wie aus ehemals dunklen Verkaufsflächen lebenswerte, natürlich belichtete Räume werden können.

Für uns ist „Das Selters“ deshalb mehr als die Sanierung eines Bestandsgebäudes. Das Projekt steht für eine Haltung zum Weiterbauen:

Nicht die Frage, was ein Gebäude einmal war, ist entscheidend – sondern was es noch werden kann.